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Ein Atlas für Afghanistan

Gießener Geograf über den Wiederaufbau in dem krisengeschüttelten Land Afghanistan gleicht für viele Menschen einem weißen Fleck auf der Landkarte. Auch viele Akteure aus der Politik wissen nach Einschätzung von Forschern der Just-Liebig-Universität Gießen zu wenig über die Region. Ihr Nationalatlas Afghanistan, gefördert vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD), soll das ändern. Projektleiter Andreas Dittmann erklärt im Interview, welches Engagement für den Wiederaufbau des Landes besonders wichtig ist und wo die größten Herausforderungen liegen. Herr Professor Dittmann, wozu ein Nationalatlas Afghanistan? Ein Nationalatlas hat eine starke symbolische Bedeutung. Jedes Land hat eine Flagge, eine Nationalhymne, und die meisten haben auch einen Nationalatlas. Afghanistan hatte nur einen veralteten von 1982. Deshalb stieß die Idee, einen Nationalatlas anzugehen, bei allen Seiten auf Begeisterung, sowohl bei den deutschen Förderern als auch auf der entscheidenden afghanischen Seite. Wir hätten das Projekt nicht so schnell umsetzen können, wenn der damalige Präsident Hamid Karzai nicht seine Ministerien angewiesen hätte, uns die zur Kartenerstellung nötigen Daten und Statistiken zu liefern. Wie sind Sie vorgegangen? Die Projektarbeit begann vor drei Jahren durch die Förderung des DAAD, der unsere Afghanistan-Aufbauprogramme seit der Niederschlagung des Talibanregimes unterstützt. Wichtig war die professionelle Unterstützung durch das AGCHO, das Afghan Geodesy and Cartography Head Office. Das ist so etwas wie ein Bundesvermessungsamt, sowie durch die Kollegen vom Department of Geography der Universität Kabul. Es war wichtig, dass eine afghanische Autorität die Daten sammelt und nicht einer der vielen ausländischen Akteure im Land. Der Atlas sammelt nicht nur klassische Landkarten, sondern gibt tiefere Einblicke in Natur, Kultur und Infrastruktur. Richtig. Es gibt Karten zum zur Tektonik, zu den in Afghanistan nicht seltenen Erdbeben, zu Vegetationen ebenso wie zur Verbreitung von Säugetieren. Damit beginnt der Atlas, es folgen Karten zur Landwirtschaft, zu Import und Export, Industrieprodukten. Dann gibt es eine Reihe von Karten zu kulturspezifischen Themen, über die Verbreitung von Sprachen, ethnischen Gruppen oder Weltkulturerbe. Wichtig sind auch die Daten wie etwa die Verbreitung von Schulen, Universitäten, Krankenhäusern und Apotheken. Auf der rechten Seite des Atlas findet sich jeweils die Karte, auf der gegenüberliegenden linken Seite wird sie kommentiert. Diese Kommentartexte haben zur Hälfte afghanische Autoren geschrieben, zur Hälfte deutsche Autoren. Wird es das Arbeiten beeinflussen, wenn sich die internationalen Truppen nach und nach aus Afghanistanzurückziehen? In den letzten Jahren hat militärisches Engagement unsere Arbeit nicht sicherer oder unsicherer gemacht Anfangs gab es eine größere Akzeptanz für ausländische Akteure, aber das ist vorbei. Man kann auch größere Verkehrsstraßen nicht mehr ohne Risiko benutzen, unabhängig davon, ob dort Truppen stationiert sind. Allerdings sollte niemand glauben, dass der Westen sich komplett aus Afghanistan zurückzieht. Das Land hat eine strategisch wichtige Lage. Daher wird nur der Anspruch zurückgeschraubt, das Land von Kabul aus befrieden zu können. Aber den strategischen Vorteil, den man sich erarbeitet hat, will man nicht zurückgeben. Spiegeln sich solche politischen Konflikte auch im Atlas? Wir haben keine Frontverlauf-Karren. Eine Karte mit den Gegenden, in denen die meisten Anschläge stattfinden, wollten die afghanischen Kollegen nicht. Solch ein Atlas ist nicht nur ein wissenschaftliches Werk, sondern auch ein Prestigeprojekt. Politisch gesehen ist die sensibelste Karte die der Verteilungen der Ethnien. Diese Karte wird keinem gefallen. Die einen sagen, dass sie zu wenig vertreten seien, die anderen, dass die Feinde zu stark dargestellt würden. Der Kommentar zur Karte verzichtet auf prozentuale Verteilungen und versucht eine sachliche Lage darzustellen. Der Nationalatlas soll auch denen helfen, die über Afghanistans Zukunft entscheiden. Was sind die größten Herausforderungen? Es gibt eine ganze Reihe von Baustellen. Das zeigen die Karten über die Verteilung natürlicher Ressourcen, Bodenschätze, Krankenhäuser, der Möglichkeiten für universitäre Ausbildung oder für Schulausbildung. Für die Schulausbildung und im Universitätssektor ist zwar viel erreicht worden, dennoch bleibt in der Infrastruktur, beim Straßen- und Eisenbahnbau, viel zu tun. Im Atlas sieht man sofort, was noch zu tun ist. Er ist ein Statusbericht: Wir hoffen, dass in einigen Jahren neue Daten eine weitere Entwicklung dokumentieren. Findet Afghanistan in Deutschland genug Aufmerksamkeit? Ich würde sagen, dass das Thema die Menschen seit ein bis zwei Jahren wieder mehr interessiert. Gute Nachrichten haben es schwer. Aber durch die Einsicht, dass zur Verantwortung als Weltbürger auch Einmischung gehören kann, hat sich die Wahrnehmung in den letzten Monaten geändert – vielleicht auch durch den Schreck, dass ein IS-Staat entstehen könnte. Interview: Paula Konersmann, kna

Aus den Karten die Gesellschaft lesen

Kulturgespräch am 9.1.2015 mit Andreas Dittmann Wie gibt sich eigentlich eine zerrütte, ja, zerstörte Nation so etwas wie ein neues Gesicht, wenn eine große Mehrheit der Menschen kaum mehr überblickt als den eigenen Landstrich, das eigene Stammesterritorium, wenn das Land zerfällt in regionale Interessen. Wie soll dann so etwas wie ein Wiederaufbau als gemeinsames Projekt möglich werden? Das Fallbeispiel ist natürlich Afghanistan und ein Beispiel dafür, welchen Beitrag die Geografie dazu leisten kann, den Menschen das Bewusstsein wiederzugeben für ihren gemeinsamen Staat, für die Existenz einer gemeinsamen Identität. Dafür haben die Geografen der Universität Gießen einen völlig neuen Nationalatlas für Afghanistan entwickelt. Prof. Andreas Dittmann ist Geograf an der Universität Gießen und Vorsitzender der Deutsch-Afghanischen Universitätsgesellschaft in Bonn. Herr Dittmann, was kann so ein Werk im Einzelnen bewirken? Ein Nationalatlas hat immer die ganz wichtige Identitätsstifterfunktion. In diesem Fall, dass viele Afghanen jetzt erkennen: Das ist unser Land, das sind unsere Naturressourcen, das sind unsere kulturellen Schätze, das sind unsere Entwicklungsmöglichkeiten, so stellt sich unsere Geschichte dar. Und ebenso wie für fast alle Länder eine Nationalflagge wichtig ist und eine Nationalhymne, so ist für viele auch ein Nationalatlas wichtig. Das gilt ganz besonders für junge Nationen, wie Afghanistan eine ist, in denen Nation-Building noch ein großes Thema ist. Wenn man jetzt diesen neuen Nationalatlas mit dem mittlerweile doch recht angestaubten Atlas von 1982 vergleicht, was wird sich damit dem Blick auf das eigene Land ändern? Nationalatlanten haben ja außer der dokumentarischen Aufgabe auch immer eine besondere politische Aussage. Das Erstellen von Nationalatlanten ist immer ein höchst politischer Akt. Der 1982 erschienene Nationalatlas wurde in Poznań, also in Posen in Polen erstellt und zwar im Auftrag der Sowjetunion, die einige Jahre zuvor Afghanistan besetzt hatte. Das heißt, der letzte Atlas wurde von den damaligen Besatzern Afghanistans in Auftrag gegeben und ist jetzt nach über 30 Jahren natürlich hoffnungslos veraltet. Dass jetzt westliche Akteure, zu denen wir uns ja zählen, damit beauftragt sind, einen neuen Nationalatlas zu erstellen, der vom Umfang und von der Textgestaltung her mit dem alten gar nicht vergleichbar ist, spricht natürlich schon wieder für die These, dass man immer auch Spielball dieses Konkurrenzkampes um Einflusszonen in Zentralasien ist. Dieser neue Nationalatlas enthält beispielsweise auch die Verzeichnung von Bodenschätzen, sogar die Verbreitung von Schulen und Krankenhäusern. Was bezwecken Sie damit, auch solches Material zur Verfügung zu stellen? Ein solcher Atlas ist auch immer eine Momentaufnahme, das heißt, wichtig ist nicht nur, was er bereits enthält, sondern auch das, was er noch nicht enthält, also das Aufzeigen von Defiziten, gerade im Bereich von Infrastrukturausbau oder Einrichtungen für die Gesundheits- und Bildungsversorgung. Dabei darf man nicht vergessen, dass es auch eine erhebliche Anzahl guter Nachrichten gibt. Und zu denen gehört nicht nur ein solches Werk wie ein Nationalatlas, sondern auch der insgesamt sehr gut funktionierende Bereich der akademischen Zusammenarbeit, von der der Nationalatlas oder die Produktion des Nationalatlasses ein Ergebnis ist. Eines der Probleme, an denen sich vermutlich so schnell auch nichts ändern lässt, ist die Verteilung der Ethnien, inklusive aller damit verbundenen Konflikte. Ca. 30 Millionen Menschen leben in Afghanistan, von denen stellen die Paschtunen mit ca. 40 Prozent den größten Bevölkerungsanteil. Auch der ehemalige Präsident Karzai, der Ihr Nationalatlasprojekt unterstützt hat, ist Paschtune. Mussten Sie auf Ihrer Ethnienkarte den Anteil der Paschtunen erhöhen, damit das politisch gefällig ist? Jetzt haben Sie aber den Finger genau in die Wunde gelegt. Das ist natürlich einer der wichtigsten Punkte. Es gibt in der Tat einige Karten, die höchst sensibel sind, die sozusagen Sprengstoff darstellen und wenn im Kommentartext zur ethnischen Verteilungskarte Prozentzahlen, wie die, die Sie sie eben genannt haben, oder andere drin stünden, dann wäre der Atlas noch explosiver. Das in den Atlas überhaupt eine ethnische Karte rein durfte, dafür haben wir lange gekämpft, mit den Kollegen vom „Afghan Geodesy and Cartography Head Office“. Und der Text, der dort zu lesen ist, ist jetzt so allgemein gehalten, im Sinne von: Was ist denn eine ethnische Gruppe, was ein Stamm, was ein Volk?, dass kein Streit um Prozentzahlen ausbrechen kann. Und der ernstgemeinte afghanische Vorschlag im Zusammenhang mit der Diskussion um diese Karte war, dass man sie doch besser ganz weglassen sollte. Also es gibt einige Karten, die, auch wenn man es ihnen nicht ansieht und auch dem Text nicht unbedingt anmerkt, sehr spannend und hochexplosiv sind, darunter auch Karten, von denen man das zunächst gar nicht vermutet hätte. Geologiekarten etwa erschienen mir immer relativ unverdächtig; die Geologie ist was Festes, was Konstantes, das wird kaum verändert. So dachten wir. Aber dann stellte sich heraus, dass die alte Geologengeneration noch mit russischer Nomenklatur gelernt hatte, die aber heute im Westen kaum jemand noch versteht. Dass dann in der Benennung von Stratigraphien oder von tektonischen Linien tatsächlich Welten lagen zwischen dem alten und dem jetzigen Nationalatlas, ist natürlich noch relativ harmlos, aber eben doch immerhin bemerkenswert, da es sich ja um wissenschaftliche Phänomene handelt. Im Vergleich dazu, gab es Karten, die zu sensibel waren, zum Beispiel Karten zu den hauptsächlichen Drogenproduktionsgebieten in Afghanistan oder zu den Schwerpunkten aktueller Kampfhandlungen und kriegerischer Auseinandersetzungen. Die haben es dann nicht in den Atlas geschafft. Das wäre etwas, was man mal nachholen kann. Aber dieser Atlas ist, um das noch mal zu betonen, ein gemeinsames deutsch-afghanisches Werk, und deshalb muss man von wissenschaftlicher Seite auch immer Rücksichten auf die politischen Belange nehmen. Mit anderen Worten, da stößt so ein Nationalatlas als Aufklärungsinstrument aber durchaus auch an seine politischen Grenzen. Genau. Ein solcher Nationalatlas enthält auf der einen Seite eine wissenschaftliche Aussage, auf der anderen aber eben auch immer eine wichtige politische Aussage. Und es besteht immer die Gefahr, egal wie er gelingt, dass er von den einen oder den anderen missbraucht werden könnte. Und deshalb ist eine Dokumentation der jetzigen Verhältnisse ganz besonders wichtig. Zum einen, weil sie zeigt, was ist in den letzten zehn Jahren, im Stabilitätspakt-Jahrzehnt, an Aufbau in Afghanistan geleistet werden ist, und zum anderen könnte sie späterer vielleicht einmal essentiell sein hinsichtlich der Frage, wie es danach, in der zweiten Phase, im

Wissen für den Wiederaufbau von Afghanistan

DAAD-gefördertes Forschungsprojekt gibt Akteurinnen und Akteuren aus Politik und Wirtschaft erstmals verlässliche Informationen Für viele Akteurinnen und Akteure in Politik und Wirtschaft gleicht Afghanistan in großen Teilen einem weißen Fleck auf der Landkarte. Der neue „National Atlas of Afghanistan“ will dies ändern – denn nur wer verlässliche Informationen hat, kann tragfähige Entscheidungen treffen. In einem vom DAAD geförderten Projekt haben Geographinnen und Geographen der JLU mit ihren Kolleginnen und Kollegen in Afghanistan unter Leitung von Prof. Dr. Andreas Dittmann an einer aktuellen Datensammlung zur physischen, ökonomischen und politischen Geographie des Landes gearbeitet. Diese Informationen stehen nun in einem mehr als hundert Seiten starken Nationalatlas gesammelt zur Verfügung. Nationalatlanten sind komplexe geographische Atlanten einzelner Länder, die eine Zusammenfassung und Auswertung der gegenwärtigen wissenschaftlichen Kenntnisse von der physischen, ökonomischen und politischen Geographie des betreffenden Landes enthalten. Ziel der vom DAAD geförderten Kooperation war es, die afghanischen Geographen wissenschaftlich bei der Erstellung des jetzt vorgestellten Nationalatlas zu unterstützen. Beteiligt an dem interdisziplinären Großprojekt waren Vertreterinnen und Vertreter der Universität Kabul und vom Afghanischen Ministerium für Geodäsie und Kartographie (Afghan Geodesy and Cartography Head Office). „Ich bin sehr froh, dass es dem Gießener Geographenteam gelungen ist, gemeinsam mit den internationalen Partnerinnen und Partnern ein Werk vorzulegen, das von großem Wert für die eigene nationale Identitätsfindung und den Prozess der Nationenbildung in Afghanistan ist“, ergänzte JLU-Präsident Prof. Dr. Joybrato Mukherjee, zugleich DAAD-Vizepräsident. Zu dem im Nationalatlas gesammelten Wissen gehören etwa zentrale Daten über Eisenbahnlinien und Elektrizitätswerke ebenso wie detaillierte Fakten zu Standorten von Postämtern oder der Verteilung von Rohstoffen. Darüber hinaus bietet der Nationalatlas Daten zur Tier- und Pflanzenwelt des Landes. Der Nationalatlas wurde im Rahmen des wissenschaftlichen Symposiums „Afghan-German Academic Cooperation in Geography. Results of the first and Perspectives on the second Decade” im Dezember an der JLU vorgestellt. Dabei diskutierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus dem Iran, aus Afghanistan, Indonesien und Pakistan mit ihren deutschen Gastgebern. Ziel war es, Leitlinien für die weiteren Strategien der internationalen Zusammenarbeit festzulegen. Die Erfahrungen aus der ersten Dekade der erfolgreichen wissenschaftlichen Kooperation zwischen Afghanistan und Deutschland wurden dazu ausgewertet, die verschiedenen nationalen Perspektiven eingebracht. Die internationalen Gäste berichteten über ihre Erfahrungen im Ausbau von Forschung und Lehre in ihren Ländern, tauschten sich aus über das Verhältnis zwischen dem Iran und Afghanistan und trugen die Ergebnisse ihrer wissenschaftlichen Arbeiten vor.